Dorfchronik Wewelsburg, 22. August 2007

Zu den Bildern

Hochwässer haben etwas großartiges, wenn man auf dem Berg wohnt.

Unentwegt hat es in diesem Sommer geregnet, auch jetzt wieder tagelang, ohne Unterlass. Längst ist der Boden mit Wasser übersättigt, alle Gräben und Kanalisationsrohre übervoll, es fließt am Schürenberg die Straße hinunter, die Henneken Bigge rauscht in hell­braunen Wasserfluten, Kühe blicken erstaunt auf die Wasserläufe, die den Weg durch ihr Wiesengrün nehmen, sich keinen Deut um den Zaun scheren, ja an diesem unordentliche Büschel von Gras zurücklassen und unentwegt weiter bergab schäumen, der Alme zu. Unser treues Flüsschen: Gewaltig angeschwollen ist es, mächtige erdfarbene Fluten wälzt es über die grünen Wiesen, viele Weiden stehen bis zu den Kronen im Wasser. Es braust vernehmlich. Ein gewaltiges Hochwasser. Die Alme kann nichts dazu. Im Gegenteil, sie tut ihre Pflicht und ist vollauf damit beschäftigt, die ungeheuren Wassermassen fortzuschaffen, die die grauen Wolken in gleichmütigem Stumpfsinn herabregnen ließen. Sie braucht dazu ausnahmsweise einmal die gesamte Breite des Tals. Es ist eigentlich ihr Tal, sie hat es Millionen Jahre geformt. Es ist nur so, dass sie es meistens freundlich mit uns teilt, den Landwirten, Anglern, Radfahren und Spaziergängern, den unzähligen Kindern der Jugendherberge, dass wir fast schon geglaubt hatten, dass es uns gehöre, und sie selbst lediglich Zierde sei, um durch ihr Plätschern die Romantik zu erhöhen. Welch ein Irrtum. Die Flut muss fort, diese unheimlichen, gurgelnden, rauschenden nicht enden wollenden Wassermassen, und das hat äußerste Priorität. Da wird nicht gefragt, wem die Strohballen gehören, die man treiben sieht, wer die Viehtränke hat stehen lassen und wer seine Melkanlage nicht früh genug in Sicherheit gebracht hat. Uferbäume, die nicht feststehen, werden mitgerissen. Es gibt kein Pardon. Schließlich ist versprochen, dass es keine Sintflut mehr geben wird, das Wasser muss weg.

An der Brücke unterhalb der Burg hat sich eine Menge Volk angesammelt, zwei Feuerwehrautos stehen dort und es werden Sandsäcke auf ein großes Gestell geladen, das an der rückwärtigen Hydraulik eines Traktors befestigt ist. Ein paar Feuerwehrleute springen auf und schon geht's durch die überflutete Almeinsel hinüber zur Mühle, die durch Sandsackbarrikaden vor dem Wasser geschützt werden soll. Alle sind ein wenig aufgekratzt, so hoch stand das Wasser hier nicht mehr seit 1965, dem Jahr der großen Hochwasserkatastrophe. Es soll noch etwas ansteigen, verrät mir der Einsatzleiter der Feuerwehr, aus dem Rückhaltebecken in Keddinghausen muss etwas abgelassen werden. Ich mache Fotos, es sieht fantastisch aus. Auf dem von der Mühle zurückkommenden Traktor fährt Björn mit, die Filmkamera in der Hand, er sagt: „An der Mühle ist’s schon ganz schön hoch, sie haben aber viele Sandsäcke aufgestapelt, und an der oberen Mühle ist es das gleiche. Ich glaube, sie werden es schaffen." Die beiden Mühlen sind die einzigen bedrohten Gebäude hier im Tal. Ich schaue zur Burg hinauf, die fest auf ihrem Felsen steht, dahinter das Dorf. Es war klug, dass Dorf so anzulegen. Sicher war es auch der Respekt vor solchen Hochwässern, der neben der guten Verteidigungsposition die Bewohner bewogen hat, nicht im Tal zu siedeln. Woanders bezahlt man jetzt den Preis dafür, dem Ufer zu nahe gekommen zu sein.

Wir fahren zum Flütt, wo tatsächlich die gesamte Talbreite durchströmt wird. Es ist gegen fünf Uhr nachmittags und die Sonne kommt hervor. Es ist angenehm warm. Wir fotografieren und filmen das gewaltige Schauspiel. Was so tief beeindruckt ist die Selbstverständlichkeit, mit der dies alles geschieht. Nichts könnte diese Flut aufhalten, die sich so leicht und bestimmt den Weg durch das Tal nimmt. Wir fahren anschließend den Schlossberg hinauf, ein Stück über den Kleinen Hellweg und dann den Weg über den Tunnel wieder hinunter ins Tal und biegen ab zur oberen Mühle, passieren das Gebäude und stehen bald vor einem ungefähr zwanzig Meter langen überfluteten Teil des Weges. Dahinter taucht der Weg wieder aus den Fluten auf, kurz entschlossen fahren wir hindurch, es spritzt hoch auf, das war doch tiefer, als gedacht. Wir sehen hier, in der Nähe des Tunnelausgangs Richtung Ahden, dass die Wiesen bis zum Weg alle überschwemmt sind. Wir steigen aus und machen unsere Bilder. Dann geht's denselben Weg zurück. An der Brücke in Graffein nahe des Bahnhofs steigen wir erneut aus und sehen, wie die Fluten ungehindert die hohe Brücke passieren, die man nach dem Hochwasser 1965 so mächtig und stark gebaut hat. Nun bewährt sie sich. Schließlich erreichen wir die Waldsiedlung. Wir gehen den Weg unterhalb des Kuhkamps-Berges entlang, man hat ihn vor drei oder vier Jahren leicht erhöht, er ist kaum über­schwemmt. Dicht daneben braust und schäumt der Fluss. Aus den Kanaldeckeln des Regenrückhaltebeckens in der Straße schießt das Wasser empor. Zwei Jungen tanzen begeistert auf einem sich immer wieder unter dem Wasserdruck hebenden Deckel herum. Wir gehen weiter bis zur Grillhütte, hinter der sich ein großer See ausbreitet.

Im milden Licht der Abend­sonne betrachten die vielen Spaziergänger staunend die überschwemmte Talaue und die einsam im Wasser stehenden Fußballtore der Spielwiese. Wir fahren nach Hause. Den Berg hinauf.

Zu den Bildern