Hochwässer haben
etwas großartiges, wenn man auf dem Berg wohnt.
Unentwegt hat es
in diesem Sommer geregnet, auch jetzt wieder tagelang, ohne Unterlass. Längst
ist der Boden mit Wasser übersättigt, alle Gräben und Kanalisationsrohre übervoll,
es fließt am Schürenberg die Straße hinunter, die Henneken Bigge rauscht in
hellbraunen Wasserfluten, Kühe blicken erstaunt auf die Wasserläufe, die den
Weg durch ihr Wiesengrün nehmen, sich keinen Deut um den Zaun scheren, ja an
diesem unordentliche Büschel von Gras zurücklassen und unentwegt weiter bergab
schäumen, der Alme zu. Unser treues Flüsschen: Gewaltig angeschwollen ist es,
mächtige erdfarbene Fluten wälzt es über die grünen Wiesen, viele Weiden
stehen bis zu den Kronen im Wasser. Es braust vernehmlich. Ein gewaltiges
Hochwasser. Die Alme kann nichts dazu. Im Gegenteil, sie tut ihre Pflicht und
ist vollauf damit beschäftigt, die ungeheuren Wassermassen fortzuschaffen, die
die grauen Wolken in gleichmütigem Stumpfsinn herabregnen ließen. Sie braucht
dazu ausnahmsweise einmal die gesamte Breite des Tals. Es ist eigentlich ihr
Tal, sie hat es Millionen Jahre geformt. Es ist nur so, dass sie es meistens
freundlich mit uns teilt, den Landwirten, Anglern, Radfahren und Spaziergängern,
den unzähligen Kindern der Jugendherberge, dass wir fast schon geglaubt hatten,
dass es uns gehöre, und sie selbst lediglich Zierde sei, um durch ihr Plätschern
die Romantik zu erhöhen. Welch ein Irrtum. Die Flut muss fort, diese
unheimlichen, gurgelnden, rauschenden nicht enden wollenden Wassermassen, und
das hat äußerste Priorität. Da wird nicht gefragt, wem die Strohballen gehören,
die man treiben sieht, wer die Viehtränke hat stehen lassen und wer seine
Melkanlage nicht früh genug in Sicherheit gebracht hat. Uferbäume, die nicht
feststehen, werden mitgerissen. Es gibt kein Pardon. Schließlich ist
versprochen, dass es keine Sintflut mehr geben wird, das Wasser muss weg.
An der Brücke
unterhalb der Burg hat sich eine Menge Volk angesammelt, zwei Feuerwehrautos
stehen dort und es werden Sandsäcke auf ein großes Gestell geladen, das an der
rückwärtigen Hydraulik eines Traktors befestigt ist. Ein paar Feuerwehrleute
springen auf und schon geht's durch die überflutete Almeinsel hinüber zur Mühle,
die durch Sandsackbarrikaden vor dem Wasser geschützt werden soll. Alle sind
ein wenig aufgekratzt, so hoch stand das Wasser hier nicht mehr seit 1965, dem
Jahr der großen Hochwasserkatastrophe. Es soll noch etwas ansteigen, verrät
mir der Einsatzleiter der Feuerwehr, aus dem Rückhaltebecken in Keddinghausen
muss etwas abgelassen werden. Ich mache Fotos, es sieht fantastisch aus. Auf dem
von der Mühle zurückkommenden Traktor fährt Björn mit, die Filmkamera in der
Hand, er sagt: „An der Mühle ist’s schon ganz schön hoch, sie haben aber
viele Sandsäcke aufgestapelt, und an der oberen Mühle ist es das gleiche. Ich
glaube, sie werden es schaffen." Die beiden Mühlen sind die einzigen
bedrohten Gebäude hier im Tal. Ich schaue zur Burg hinauf, die fest auf ihrem
Felsen steht, dahinter das Dorf. Es war klug, dass Dorf so anzulegen. Sicher war
es auch der Respekt vor solchen Hochwässern, der neben der guten
Verteidigungsposition die Bewohner bewogen hat, nicht im Tal zu siedeln.
Woanders bezahlt man jetzt den Preis dafür, dem Ufer zu nahe gekommen zu sein.
Wir fahren zum Flütt, wo tatsächlich
die gesamte Talbreite durchströmt wird. Es ist gegen fünf Uhr nachmittags und
die Sonne kommt hervor. Es ist angenehm warm. Wir fotografieren und filmen das
gewaltige Schauspiel. Was so tief beeindruckt ist die Selbstverständlichkeit,
mit der dies alles geschieht. Nichts könnte diese Flut aufhalten, die sich so
leicht und bestimmt den Weg durch das Tal nimmt. Wir fahren anschließend den
Schlossberg hinauf, ein Stück über den Kleinen Hellweg und dann den Weg über
den Tunnel wieder hinunter ins Tal und biegen ab zur oberen Mühle, passieren
das Gebäude und stehen bald vor einem ungefähr zwanzig Meter langen überfluteten
Teil des Weges. Dahinter taucht der Weg wieder aus den Fluten auf, kurz
entschlossen fahren wir hindurch, es spritzt hoch auf, das war doch tiefer, als
gedacht. Wir sehen hier, in der Nähe des Tunnelausgangs Richtung Ahden, dass
die Wiesen bis zum Weg alle überschwemmt sind. Wir steigen aus und machen
unsere Bilder. Dann geht's denselben Weg zurück. An der Brücke in Graffein
nahe des Bahnhofs steigen wir erneut aus und sehen, wie die Fluten ungehindert
die hohe Brücke passieren, die man nach dem Hochwasser 1965 so mächtig und
stark gebaut hat. Nun bewährt sie sich. Schließlich erreichen wir die
Waldsiedlung. Wir gehen den Weg unterhalb des Kuhkamps-Berges entlang, man hat
ihn vor drei oder vier Jahren leicht erhöht, er ist kaum überschwemmt. Dicht
daneben braust und schäumt der Fluss. Aus den Kanaldeckeln des Regenrückhaltebeckens
in der Straße schießt das Wasser empor. Zwei Jungen tanzen begeistert auf
einem sich immer wieder unter dem Wasserdruck hebenden Deckel herum. Wir gehen
weiter bis zur Grillhütte, hinter der sich ein großer See ausbreitet.
Im milden Licht der Abendsonne
betrachten die vielen Spaziergänger staunend die überschwemmte Talaue und die
einsam im Wasser stehenden Fußballtore der Spielwiese. Wir fahren nach Hause.
Den Berg hinauf.